Aus alt mach neu

Wo einst in harter Handarbeit mit Zwirnmaschinen gearbeitet wurde und durch deren Gemäuer viele andere Berufe schlichen, sitzen heute kreative Köpfe, die Kommunikation neu erfinden.

Das heutige #kreativbureau ist nicht nur ein Gebäude, das materielle und architektonische Geschichte, sondern auch emotionale und geistige Historie erzählt und wiederspiegelt. Genau aus diesem Grund, erscheint in der diesjährigen Baupartner Ausgabe, ein Werdegang eines Gebäudes, das bis heute Unternehmergeist beherbergt.

Doch zurück zum Anfang und zum Ursprung eines Gebäudes, das heute in Kettenis (B) genauso wenig wegzudenken ist, wie damals. Alles begann mit der Geburt von Bartholomäus Thieron am 20. November 1815. Was weit über 200 Jahre her ist, ist für die ostbelgische Gegend und Geschichte immer noch ein Meilenstein. Denn nach erfolgreich absolvierter Ausbildung zum Maschinenbauer eröffnete der junge Mann, Bartholomäus Thieron, der indes bereits auch mit seiner Frau Anna Catharina Breuer eine Familie gegründet hatte, die Maschinenfabrik „Thieron & Söhne“.

Die Eröffnung des Gebäudes, welches sich damals über 905 Quadratmetern Fläche zog und heute fast 1000 Quadratmeter Fläche erfasst, fand am 24. August 1887 statt - an einem lauwarmen Sommertag, an dem sich alle Mitarbeiter vor dem üppigen Torbogen versammelten, um dort Geschichte zu schreiben, und aber, um ein Foto der gesamten Belegschaft aufzunehmen. Zurecht gerückt, vom Lehrling bis zum Vorgesetzten, strahlt das Unternehmensbild nicht nur Fortschritt, sondern auch den Ernst des damaligen Lebens aus. Nicht nur, weil der Betrieb vor dem ersten Weltkrieg eröffnet wurde und auch währenddessen weiterhin bestand, sondern ebenfalls, weil die grenzübergreifenden Kooperationen der Familie Thieron, den Mitarbeitern vollsten Arbeitseinsatz abverlangte. Die Garne und Zwirnmaschinen, die hinter den Backsteinmauern in mühevoller Handarbeit und höchster Präzision hergestellt wurden, fanden ihren Weg bis nach Deutschland und England, um dort Unternehmen der Textilindustrie beliefern zu können. Der wirtschaftliche Aufschwung, gerade in den Bereichen des Ingenieurwesens und Maschinenbaus, wirkte sich ebenfalls auf unser kleines Randgebiet in Ostbelgien aus.

 

 

Vollster Arbeitseinsatz, Präzision und ein kooperierender Standort waren für Familie Thieron sowie für uns der Schlüssel zum Erfolg.

Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg musste Thieron & Söhne seine Pforten allerdings schließen. Aus welchem Grund lässt sich nur schwer erahnen - eine Vermutung der damaligen Judenverfolgung schwirrt aber weiterhin im Hinterkopf. Doch das Ende des Unternehmens war nicht das Ende einer weiteren Ära unter dem Namen Thieron. Der Enkel von Bartholomäus und Anna Catharina, sprich Robert Thieron und ebenfalls Richter in erster Instanz in Kettenis (B), erbte das Gebäude und setzte einige Umbaumaßnahmen im vorderen Teil des Hauses um. Der linke Flügel, in dem damals Büros untergebracht waren, hatte der Eigentümer zu Wohnungen umbauen lassen, die bis heute weiterhin bestehen.

Der sich rechts befindende Komplex, indem heute das #kreativbureau beherbergt ist, wurde zu einer Autowerkstatt umgebaut, die damals von Felix Schins sowie von den Gebrüdern Lucien und Mathieu Groteclaes genutzt wurde.
Caroline Geffard, die ebenfalls Erbin des gesamten Gebäudes geworden ist, erinnert sich noch genau an die Erzählungen ihrer Großmutter, die einst Dienstmädchen beim wohlhabenden Richter war. „Meine Großmutter war, bis sie schwanger wurde, für den Haushalt von Richter Thieron zuständig. Sie hatte in mehreren wohlhabenden Familien gearbeitet, bei Richter Thieron und seiner Frau Edith war sie zuletzt angestellt.“ 1970 erkrankte Robert Thieron schwer - er erblindete und saß im Rollstuhl - „das war der Grund, dass meine Großeltern auch zur Aachenerstraße, direkt neben die Wohnung von Familie Thieron, zogen und ihn dort pflegten. 1977 verstarb er „und meine Oma erbte den gesamten Komplex in der Schnellenwindgasse.“ Caroline fährt fort: „Meine Großmutter hat durch diesen Vorfall, das Gebäude überschrieben bekommen. Damals war es üblich, dass die Haushälterin erbt, wenn keine näheren Verwandten zu finden sind.“

Meine Oma, die einst Dienstmädchen bei Familie Thieron war, erbte den gesamten Komplex. Eine beachtliche Ehre, für eine damalig ‘normale’ Person.

Wer täglich durch Kettenis (B) fährt, mag sich erinnern, dass das Gebäude lange Zeit leer stand, vor sich hin witterte und niemand sich wirklich zu interessieren schien, was mit dem Gebäude passiert ist. Das allerdings, fanden Sven Cloth und sein Team nicht. Es gab tatsächlich mehrere Interessenten, die den hinteren Teil des Gebäudes erwerben wollten. Dann aber, verkaufte vor rund vier Jahren Caroline Geffard die Ruine an Sven Cloth und Martina Recker. “Das Konzept und die Idee des jungen Teams, die Bausubstanz und somit auch ein Stück Geschichte zu erhalten, waren alles Gründe für mich, das Gebäude an das #kreativbureau zu verkaufen”, so Caroline. Der heutige Geschäftsführer des Cloth. #kreativbureaus erinnert sich ebenfalls zurück: „Das Gebäude sah grausam aus“ - „aber, kreative Köpfe sehen nicht was es ist, sondern, was man aus solch einem Objekt schöpfen kann. Wir wollten genau wie damals, wieder Leben und Unternehmensgeist in diese vier Wände bringen.“

Doch was machte das Gebäude so einzigartig, dass es von vielen Geschichten geprägt wurde? Nicht allein die Größe und die Nutzfläche des Gebäudes machten es zu einem Ort, an dem viele kluge Köpfe zusammenfanden, sondern auch das Gemäuer wies mehrere architektonische Besonderheiten auf. Die starken Eisenträger, die den Boden der ersten Etage vor allem für die tonnenschweren Maschinen stärkten, sind auch heute noch geblieben und fester Bestandteil des Erscheinungsbildes. Der damalige prachtvolle Eingang mit großen Hoftüren musste allerdings zur anderen Seite weichen, stattdessen finden sich nun lichtdurchflutete Fenster rund um das Gebäude. Auch die schweren Holzbalken und die alten knirschenden Holzböden, die allesamt gesandstrahlt und restauriert wurden, blieben fester stilvoller Bestandteil im Inneren des Gebäudes. Das war für Sven Cloth Grund genug, das Gebäude zu einem Ort der Kreativität zu machen und den Unternehmergeist, den es damals schon versprühte, weiterhin aufrecht zu erhalten.

Doch auch modernere Elemente ergänzen das heutige Büro - so ist der Eingangsbereich minimalistisch gehalten - verputzte weiße Wände, große Blausteinplatten und moderne Glastüren runden das Gesamtbild ab. Auf der ersten und zweiten Etage kreuzen sich die alten Gemäuer, der alte Holzboden und das Gebälk mit hellen, modernen Möbeln und vielen Fenstern sowie zahlreichen Glaselementen. Eine massiv hinterleuchtete Blausteintreppe führt zum Open-Workspace - hier lädt der perspektivische Weitblick zu weiteren architektonischen Besonderheiten ein. Der großzügig gestaltete Arbeitsbereich gibt Raum für Inspiration - der glasumfasste Versammlungsraum ist der ideale Rückzugsort für Termine, Meetings und Präsentationen. “Ein Treffpunkt für Kollegen und Kunden sollte in unseren Augen nicht fehlen. Genau deshalb haben wir eine großzügig offene Küche verbaut, welche zum Kochen und Verweilen einlädt.” Auch die alten Gemäuer blieben erhalten. Der Putz wurde in mühevoller Handarbeit entfernt und das sandige Mauerwerk versiegelt. Marvin Müller, der ebenfalls Geschäftsführer des #kreativbureaus ist, fügt hinzu: „Ohne die Hilfe von Freunden, Bekannten und Familie wäre das Projekt nicht umsetzbar gewesen.“ Auch die heutigen Mitarbeiter erinnern sich an die Umbauarbeiten zurück. Alt, staubig, zerfallen und mit einer Idee im Gepäck, stand man im Raum und musste sich vorstellen - „Hier wird mein zukünftiger Arbeitsplatz sein.“ - eine Mammutaufgabe, erinnert sich eine der damaligen Auszubildenden, „aber es hat Spaß gemacht, Teil gewesen zu sein.“ Das Team des Cloth #kreativbureaus erwidert gleichzeitig im O-Ton, dass auch jetzt viele Kunden beeindruckt von den Räumlichkeiten sind, weil aus einer jahrelangen Ruine nun ein Ort der Begegnung und Kommunikation entstanden ist.

 

Viele Überlegungen und stundenlange Gespräche mit Handwerkern und eine Menge Handarbeit und Liebe, haben wir in unsere eigenen vier Wände gesteckt.

Mitten in den Umbauarbeiten, passierte aber dann etwas völlig Unvorhergesehenes. Alles lief, aber plötzlich, so erinnert sich Sven Cloth, kam ein älterer Herr in das Ge-
bäude. Es war Bernhard Heeren, der Ende letzten Jahres verstarb, und sich noch genau an die Geschichte der Immobilie erinnern konnte. „Er wolle noch einmal sehen, wie das Gebäude nun aussah, das er einst aus Kindheitstagen kannte“, lacht der heutige Geschäftsführer der Agentur. Bernhard Heeren war in den Jahren von 1977 bis 1987 im Rathaus als Bürochef für die Immobilien-, Land- und Forstwirtschaft und Ketteniser Angelegenheiten zuständig - kein Wunder also, dass der gebürtige und heimatbezogene Ketteniser, einiges zu diesem Gebäude wusste. Auch erinnert sich Sven Cloth an einen älteren Herren, der ebenfalls unerwartet am Tag der Eröffnung in den Räumlichkeiten stand -„Er erzählte, dass er das Fabrikgebäude aus seiner Ausbildungszeit kennt und als 13-jähriger Bub’ den restaurierten Apothekenschrank mühselig mit seinen Kollegen reintragen musste“. An den Namen des älteren Herrn kann er sich nicht mehr erinnern - „Ein Gänsehautmoment, der nochmals gezeigt hat, dass sich die ganze Arbeit gelohnt hat und man mit allen Entscheidungen das Richtige getan hat.“ Altes anzupacken, neue Geschichten zu schreiben und Unmögliches für sich selbst möglich zu machen, sollte für jeden Bauherrn Inspiration sein.

Nur derjenige, der für seine Vorstellungen auch bereit ist Risiken einzugehen und das Schöne im Alten sieht, der ist bereit, neue Dimensionen zu schaffen.

 

Ein großes Dankeschön geht an alle Beteiligten, die dazu beigetragen haben, diese Informationen rauszusuchen und zu einem Ganzen zu formen. Vielen Dank an Patrick Schuhmacher und seinen Einsatz, ebenso an alle Antwortgebenden der Facebookseite „Geschichtliches Eupen“, und ebenfalls an Caroline Geffard, die aus ihren eigenen Familiengeschichten Informationen für uns bereitgestellt hat.

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